Vortrag am 01. Februar 2012 / Dr. Michael Winterhoff aus der Westfälischen Rundschau:
Ennepetal.„Lasst Kinder wieder Kinder sein.“ Dieser dringenden Bitte hat Dr. Michael Winterhoff ein ganzes Buch gewidmet mit einem Appell an eine „Rückkehr zur Intuition“. Und vor einem voll besetzten Foyer des Mehrgenerationenhauses stellte er vorgestern auch mündlich dar, warum dieses Thema so wichtig ist.
„Schulfähige Grundschulkinder sind vom Aussterben bedroht“, zeichnete der Kinderpsychiater eine düstere Prognose. Ein Problem sei die zunehmende Auflösung gesellschaftlicher Strukturen. „Einen Sprung von 1990 ins Jahr 2010 würde man psychisch gar nicht verkraften“, stellte er die damals analoge Zeit der heutigen Zeit mit permanenter Erreichbarkeit und vielen Unsicherheiten gegenüber. Dazu kämen ständige Katastrophennachrichten – das alles aktiviere auch beim Menschen das „Katastrophenprogramm“: „Man ist nicht mehr man selbst, will retten, was zu retten ist, steht unter Dauerstrom, kommt gar nicht mehr zur Ruhe.“
Für kleine Kinder aber sei es wichtig, dass der Erwachsene in sich ruht. Sonst könnten sie kein Urvertrauen entwickeln, keinen gesunden Ehrgeiz und keine Teamfähigkeit. Sein Tipp: „Ich gehe alle zwei Wochen in den Wald.“ Ohne Handy, ohne Hund. Nach zwei bis drei Stunden nehme man den Wald dann richtig wahr, sei wieder in sich ruhend. „Grandios. So kann man wieder eine ganz neue Lebensqualität bekommen.“
Ein Problem sei auch der Hang, Kinder nicht als Kinder, sondern als Partner zu sehen. Grundlegende Dinge nicht mit ihnen einzuüben, sondern zu glauben, sie verstehen das schon. Das kindliche Gehirn sei aber diffus, es bedürfe ritualisierter Abläufe, um Halt und Sicherheit zu gewinnen. Wichtig sei, die Kinder in den täglichen Abläufen wie anziehen oder bei den Hausaufgaben zu begleiten. Nur dann könne sich sich die emotionale Psyche entwickeln.
Winterhoff gab Beispiele. Wie das des hoch intelligenten 17-Jährigen, der die EC-Karte des Bruders genommen und 40 Euro vom Konto abgehoben habe. Was aufflog. Vom Vater zur Rede gestellt, sei er sich keiner Schuld bewusst gewesen. Oder die Geschichte des 16-Jährigen, der seit Monaten nicht zur Schule gehe, stattdessen die ganze Nacht am Computer sitze. Warum die Eltern ihm den Computer nicht wegnähmen? Weil er den für die Schule brauche (in die er nicht geht).
„Ich war bis vor 15 Jahren mit Ausnahmen befasst“, so der Kinderpsychiater. Aber das habe sich sehr gewandelt: Inzwischen seien 60 bis 70 Prozent der Kinder von Entwicklungsstörungen betroffen. Winterhoff lässt auch Raum für Hoffnung: „Das sind alles Störungsbilder, die behebbar sind.“ Aber es bestehe dringender Handlungsbedarf. Damit Kinder wieder beziehungsfähig würden und sich nicht das Weltbild manifestiere, sie könnten – wie am Computer – im Leben alles steuern. „Und sobald eine Hürde kommt, knicken sie ein.“
Winterhoffs Vortrag war die erste einer Reihe von Veranstaltungen des Kinderschutzbundes zum 30-jährigen Bestehen des Ortsverbands. Petra Backhoff vom Vorstandsteam zum Auftakt: „In meiner Familie hat das Buch für Furore gesorgt und ich habe gesagt, hier wird sich einiges ändern.“ (Anmerkung des Kinderschutzbundes: Die Veranstaltung wurde gemeinsam von der Stadtbücherei Ennepetal, Bücher Bäcker und dem Kinderschutzbund Ennepetal veranstaltet. Sie war mit 200 Gästen bis auf den letzten Platz ausgebucht). Text: Annette Siebert / WR / 03. Februar 2012
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