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AFRIKANISCHER JUNGE KOMMT ZU SEINER FAMILIE
 

"So hat er immer gemacht, das ist mein Junge" - Worte, die aus dem Munde einer Mutter unscheinbar klingen. Jedoch nicht, wenn eine Mutter ihr eigenes Kind sechs Jahre nicht gesehen hat. Ein für uns unverstellbares Schicksal trennte Vater und Mutter von ihrem Sohn. Die Eltern mussten aus Afrika fliehen, schnell, Hals über Kopf, da war der Junge drei Jahre alt. Nie rechneten sie damit, dass es für sie kein zurück mehr geben würde. Der Junge blieb in Afrika. Bei weitläufigen Verwandten. Kontakte zu den leiblichen Eltern waren rar. Über sechs Jahre hinweg musste er fast alleine für sich aufkommen.

In Europa musste die Eltern nach einer Irrfahrt erst einmal Fuß fassen. Vor allen Dingen galt es eine fremde Sprache zu erlernen. Erst nachdem beide sich der deutschen Sprache ausreichend bemächtigten, konnten sie von ihrem daheimgebliebenen Sohn erzählen. Geglaubt hat ihnen nicht jeder. Mittlerweile sind weitere Kinder hier geboren. Doch der Erstgeborene ließ die Eltern nicht los - wie sollten sie es schaffen, als "Geduldete" ihn zu sich zu holen? Wer würde helfen? Wie den Flug bezahlen? Wie ein Visum bekommen?
In einer Ennepetalerin, die selber eine große Schar von Kindern hat, fanden die beiden zunächst eine geneigte Zuhörerin, ihre heutige Freundin.

Sie hilft, wann immer es notwendig ist. Bei Behörden, Vermietern, Rechtsanwälten und Arbeitgebern setzt sie sich ein. Sie hält auch kontinuierlich Kontakt zum Kinderschutzbund. Berichtete dem Vorstand über die Sorgen und Nöte. Erzählte von dem verlassenen Kind in Afrika. Ergriffen von der Tragik sagte der Kinderschutzbund Hilfe zu. Mit vereinten Kräften und viel Engagement wurde eine Wohnung in Ennepetal gefunden, angemietet und eingerichtet. Das Ehepaar ist hier in Ennepetal außergewöhnlich integriert, spricht gut die deutsche Sprache, die hier geborenen Kinder sprechen fließend Deutsch, alle haben Freunde.

Auf ein Visum für den Sohn in Afrika war - nach unzähligen Versuchen und Kontaktaufnahmen mit den Behörden und der Botschaft - nicht zu rechnen. In den seltenen Telefonaten zwischen den Eltern und dem Jungen stieg der Unmut. Das Kind fühlte sich zunehmend verlassen, vergessen, ungeliebt und verstoßen. Die Verzweiflung bei den Eltern war greifbar und allgegenwärtig.

Dann, Anfang Juni 2010 ein Anruf, er alles ändern sollte. Der Junge berichtete über ein Visum, dass er nun erhalten sollte. Und tatsächlich, die Botschaft händigte ihm die längst schon für unerreichbar gehaltenen Papiere aus. Unverzüglich reagierte die deutsche Freundin. Nach kurzer Absprache mit dem Kinderschutzbund wurde sofort der Flug gebucht. Sechs Tage später stieg der Kleine mutterseelenalleine am Frankfurter Flughafen aus dem Flieger. Per Großraumtaxi nach Frankfurt gebracht warteten die Eltern und Geschwister bereits am Airport. Es folgten unvergessliche Momente.

Abends, in der gemütlichen Wohnung in Ennepetal, legt der Junge auf dem Schoß der Mutter den Kopf zur Seite und nimmt den Daumen. Die Mutter ruft: "So hat er immer gemacht, das ist mein Junge". Man muss weinen vor Glück. Schon nach wenigen Tagen kann er bis zehn zählen, kennt vier Farben, sagt "Danke" und "Bitte". Eine Schule wurde gefunden. Zum ersten Mal in seinem Leben wird er im August eine Schulbank besuchen. Er wird es schaffen.


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